Thesen als Instrument

Thesen als Instrument der Analyse und der Aushandlung eines neuen Gesellschaftsvertrags über mediale Grundversorgung

Das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist offensichtlich in der Krise. Die Währung, in der sich das System der Grundversorgung messen lassen muss, ist nicht Marktwert, sondern Akzeptanz. Und die erreicht mit der Einführung des Haushaltsbeitrags einen neuen Tiefpunkt.

Die Stimmen, die die Abschaffung der GEZ fordern, häufen sich. Der Ruf der ‘drei bösen G’ — GEZ, GEMA und GVU — könnte schlechter nicht sein. Andererseits haben die Öffentlich-Rechtlichen in unabhängigen Umfragen eine erhebliche Unterstützung in der Bevölkerung.1

Die Frage der Grundversorgung ist also keineswegs entschieden. Aber was haben Befürworter und Gegner einander zu sagen? Was Produzenten, ‘prosumierende’ Zuschauer und nicht mehr zuschauende Gebührenpflichtige? Die Thesen zur medialen Grundversorgung im Internet-Zeitalter dienen einerseits dazu, wissenschaftlich den Boden zu bereiten, und andererseits dieses gesellschaftliche Gespräch anzustoßen, ihm eine Rahmung zu geben und es ins Konstruktive zu wenden.

Forschung

Das Projekt beginnt mit einer Literaturschau, aus der eine grobe Landkarte des Feldes (demokratiefördernde Funktion, Inhalte und Nutzung, Organisation, Finanzierung und Medienökonomie, Medientechnologie) erstellt und ein erster Satz von Thesen formuliert wird. Daraus soll im Verlauf des Projektes eine Thesensammlung entstehen, die das Feld in allen relevanten Aspekten beschreibt.

Die Aussagen sollen nicht bei Tatsachenfeststellungen oder Beschreibungen von Problemen stehen bleiben, sondern — provokativ zugespitzt — Irritationen auslösen, die wiederum zu Erkenntnissen und Orientierung führen.

Eine These in ihrer idealen Ausformung schlägt — gestützt auf Literatur, Empirie und Debatte — ein spezifisches Leitkonzept oder eine umsetzbare Maßnahme vor, die der Grundversorgung im Internet-Zeitalter dienlich sind. Jeder Vorschlag versteht sich als ein bescheidener Request for Comments (RFC), wie sie in der Internet-Kultur üblich sind.

Mit jeder These verbindet sich eine Recherche, die den Reflexions- und Forschungsstand aufbereitet, und ein Forschungsplan, den das Grundversorgungs-Team über die Projektlaufzeit verfolgt und weiterentwickelt und der sich in Aufsätzen, Artikeln, Abschlussarbeiten, Kolloquien, Konferenzen, Sammelbänden, Experimenten auf der CDC-Videoplattform etc. artikuliert und so die Thesen unterfüttert und weiter zuspitzt.

Debatte

Die Thesen werden in einer darauf spezialisierten Software (Commentpress vom Institute for the Future of the Book) zur Diskussion gestellt. (“Annotate, gloss, workshop, debate: with Commentpress you can do all of these things on a finer-grained level, turning a document into a conversation.”) Ähnliche Software diente der kollektiven Erstellung der GPLv33 und anderer Policy-Dokumente.4

Die erste Runde der Debatte (der, wenn man so will, Betatest) findet inhouse im CDC unter 80 internationalen Medienkulturforschern der unterschiedlichsten Couleur statt. Danach werden die Thesen zur öffentlichen Diskussion gestellt.

Die Thesen durchlaufen dabei mehrere Iterationen, in denen jeweils die eingegangenen Beiträge ausgewertet und die Thesen geschärft, ausdifferenziert, auf Umsetzbarkeit fokussiert werden. Auf diese Weise verbindet sich ein offener Peer-basierter Kontributionsprozess mit einer wissenschaftlich fundierten Moderation und Redaktion.

Neben der Online-Debatte werden die Thesen in Expertengesprächen, Kolloquien, Konferenzen und Publikationen und, wo möglich, durch empirische Forschung vertieft, überprüft und geschärft. Zu den Gesprächspartnern gehören medienpolitische Entscheider. Nicht zuletzt der Weiterentwicklung des deutschen und europäischen Rundfunk- und Medienrechts wollen die Thesen Materialien an die Hand geben.

In ihrer letzten Iteration bilden die Thesen natürlich Teil des Abschlussberichts von Grundversorgung 2.0. Wichtiger jedoch ist der Beitrag zur privaten und öffentlichen Meinungsbildung über die Zukunft der Grundversorgung, den sie auf dem Weg dorthin leisten können.


Fußnoten

1 Schlegel/Seufert 2012 ergab, dass 41% der Befragten öffentlich-rechtliche Medien mögen, 35% sind indifferent und 24% gefallen die Privaten besser (S. 7). Die gemittelte Zahlungsbereitschaft liegt bei 11,44 EUR (S. 11).

3 Über drei “discussion drafts” die jeweils von Richard Stallman und Eben Moglen konsolidiert worden sind. S. als Beispiel die jetzt inaktive Debatte.

 

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