Welche Nachrichten brauchen wir?

Die Konferenz Neueste Nachrichten, die das Projekt Grundversorgung 2.0 am 9. und 10. Oktober 2014 veranstaltet, widmet sich dem Zustand und der Zukunft des Journalimus bewusst aus der Perspektive bereits bestehender Online- und Mobile-Plattformen. Verlustszenarien und Adaptionsprobleme der traditionellen Medien sind dabei ausgeblendet. Mediennutzer – vor allem in den jüngeren Generationen – entwickeln angesichts des Zeitungssterbens oder in Verbindung mit dem eigenen abnehmenden Fernsehkonsum keine Verlustempfindung. Es geht daher vor allem um die Reflexion darüber, was durch den Medienwandel zu gewinnen ist.

Dieser Beitrag fasst in einer offenen und thesenhaften Form einige Wahrnehmungen und Überlegungen zusammen, die neben anderen zur Veranstaltung der Konferenz motiviert haben.

Empirische Befunde

Empirische Studien über die Entwicklung des Nachrichtenmarktes bedienen sich zuweilen eines Untersuchungsrasters, das offenkundig eine Medienwelt zementieren möchte, die bereits zerfallen ist. So bestimmt der Medienvielfaltsmonitor der BLM die „meinungsrelevanten Angebote im Internet“ in Anlehnung an Friedhelm Neidhardts Modell der Medienöffentlichkeit:
„1. ein professioneller Selektionsprozess, d. h. Themenauswahl und Agenda-Setting;
2. ein hoher Grad an Organisation und Institutionalisierung, d. h. kommuniziert wird in spezifischer Aktualität und Periodizität, allgemeine Zugänglichkeit und Verfügbarkeit;
3. asymmetrisch fixierte Hörer- und Sprecherrollen, d. h. Kommunikatoren und Vermittler sind dauerhaft und deutlich von den Publikumsrollen unterschieden.“

Die erste und vor allem die dritte Setzung führt dazu, dass fast alle neuen Entwicklungen, die momentan auch in Redaktionen der traditionellen Medien diskutiert werden und nicht nur von Nerds in Hoodie-Uniform, ausgeblendet werden.

Zwar werden die Portale der Internet-Provider mit ihren sehr hohen Besucherzahlen als meinungsbildende Instanzen mit in den Blick genommen, aber der prinzipielle Ausschluss der Social-Media-Kommunikation aus der Analyse der Meinungsbildung, weil diese nicht auf einer asymmetrischen Rollenverteilung von Sprechern und Hörern basiert, ist kontraproduktiv.

Zum Verhältnis von traditionellen Medien und Online-Medien (einschließlich mobiler Plattformen und aller Derivate wie Social Media) gibt es zwei verbreitete Sichtweisen, die empirisch offenkundig nicht haltbar sind.

Das Zeitungssterben wird häufig mit der Durchsetzung des Internet assoziiert. Der massive Auflagenschwund der Tageszeitungen hat jedoch in Deutschland 1983 begonnen, als hierzulande das Internet noch völlig unbekannt war. [FAZ-Graphik] Bis Ende der neunziger Jahre wurde der Auflagenverlust durch weiterhin wachsende Anzeigenumsätze glänzend kompensiert. Erst seit 2003/2004 wandelt sich der Anzeigenmarkt, wodurch die Finanzierungsgrundlage der schrumpfenden Zeitungen dramatisch zusammenbricht. Wenn nicht das Internet die Zeitungsrezeption beeinflusst hat, was also sonst? Hierzu ist eine Reihe von Erklärungen auf dem Markt: Höhere Mobilität vieler gesellschaftlicher Gruppen, verzögerte Adoleszenz und spätere Etablierungsphase, Aufkommen unterhaltsamer Medien wie das kommerzielle Fernsehen und subjektiv geringere Dringlichkeit nachrichtlicher Information – angesichts des Endes des Kalten Krieges und weniger massiver gesellschaftlicher Konflikte. Es wäre interessant, diese und weitere Hypothesen anhand einer gründlichen Aufarbeitung des vorhandenen empirischen Materials zu verifizieren und zu gewichten.

Eine zweite Alltagssicht ist, dass die Reichweitenverluste der traditionellen Medien durch Zuwächse bei den Online-Medien ausgeglichen würden. Das trifft im Bereich der politischen Information jedoch nicht zu. Im Gegenteil, die Nachrichtenrezeption nimmt seit mindestens zwei Jahren in Online-Medien ebenso ab wie in anderen Medien. Siehe dazu die aktuellen Studien des Reuters Institute und des Hans-Bredow-Instituts.

Das Publikum wendet sich also nicht nur – in unterschiedlichem Maße und speziell in den jüngeren Generationen – von Zeitungen, vom Fernsehen und (weniger stark) vom Radio ab, sondern vom Nachrichtenjournalismus in sämtlichen beobachteten Medienkanälen.

Ein dritter überraschender Befund könnte hinzugefügt werden: In Deutschland sind 72% der Frauen an Nachrichten sehr oder äußerst interessiert, und nur 49% der Männer. Wo und auf welche Weise sich dieses Interesse in messbarem Nachrichtenkonsum geltend macht, ist jedoch nicht untersucht worden (Reuters).

Vermutungen

Zur Erklärung des schrumpfenden Nachrichteninteresses speziell in den jüngeren Abteilungen der Bevölkerung bieten sich fünf Vermutungen an:

  1. Die Jugend hat etwas Besseres zu tun als Nachrichten zu rezipieren. Die gestrige Party bietet mehr aufregenden Diskussionsstoff als die kriegerischen Konflikte im Vorderen Orient. Zeitungslektüre oder das Ansehen der Tagesschau lassen sich nicht erzwingen.
  2. Die Form der Nachrichten ist nicht attraktiv. Nachrichten wenden ihren Rezipienten quasi den Rücken zu und zielen auf Augenhöhe mit Regierenden und anderen Führungskräften in der Welt.
  3. Nachrichten sind ein überholtes Mediengenre. Informationen, die für das eigene Leben wichtig sind, erfahren Jugendliche aus Kommunikationskanälen, die Nachrichten nur im Beipack enthalten.
  4. Nachrichten sind ein historisches Genre, das seine Blüte in Zeiten fortdauernder Konflikte hatte. In friedvollen, konfliktarmen, entwickelten Gesellschaften werden Nachrichten überflüssig. Sie können durch Börsenberichte, Sportergebnisse und Produktpräsentationen ersetzt werden.
  5. Jugendliche sind nicht weniger über das Weltgeschehen unterrichtet als frühere Generationen. Ihre Kommunikationskanäle und -weisen werden jedoch von den Rezeptionsstudien nicht erfasst. Empirische Forschung ermittelt (quantifiziert, gewichtet) nur das, was sie schon kennt.

Auch die Angebote schrumpfen

Zwar scheint das Internet ein unendliches Reservoir von Quellen zu bereitzustellen, doch ist diese Vielzahl keineswegs gleichbedeutend mit Vielfalt. Die meisten Angebote werden kaum beachtet und gefunden, während der internet-typische Konzentrationsprozess weitergeht: die Großen werden schneller größer als die anderen. Die Anzahl der Korrespondenten nimmt ständig ab, im Ausland wie im Inland. Das hat qualitative Folgen: Weniger Korrespondenten z. B. auf einer Pressekonferenz sind gleichbedeutend mit weniger Nachfragen und einer einheitlicheren Beurteilung von politischen Positionen im ganzen Pressespektrum. Pressekonferenzen stehen zudem in Konkurrenz zu Vorab-Mitteilungen in Social-Media-Kanälen, die zwar Feedback technisch ermöglichen, aber eine Live-Befragung in einem Raum nicht ersetzen können.

Auf dem Sektor professioneller journalistischer Angebote gibt es weniger Nachrichtenprodukte als früher. Dafür ist die Zahl der Aggregatoren gestiegen, die sich aufwendige Redaktionen, Recherchen usw. sparen und das Prinzip der Nachrichtenauswahl nach Relevanz durch eine Angebots-Steuerung auf Basis der Tracking-Statistik ersetzen. Aggregatoren und Kuratoren, selbst die wohlmeinendsten, erzeugen eine zunehmende politische Entmündigung. Die Hilflosigkeit desorientierter, gleichwohl politisch noch interessierter Bürger spiegelt sich in zwei Zahlen: 42% der Online-Nachrichten werden in Deutschland durch Suchmaschinen gefunden, und einer der häufigsten Suchbegriffe ist „Nachrichten (aktuell)“.

Der Generationsabriss

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Die Nutzung traditioneller Medien und von Nachrichten in gewohnter Form hat in den entwickelten Ländern des Westens besonders in der jungen Altersgruppe abgenommen. Amerikanische Kritiker nennen die Millennials (18 bis 31) nach einem Buchtitel von Mark Bauerlein „the dumbest generation“. Gleichzeitig signalisieren Tests und Umfragen den Verfall des politischen Wissens. Das könnte die Vermutung nahelegen, das Grundmodell der westlichen Demokratien sei in Gefahr. Es beruht auf der unabhängingen Meinungsbildung wohlinformierter Bürger. Wenn ein zunehmender Teil dieser Bürger nun die Information verweigert, fällt das Modell in sich zusammen.

Diese Informationsverweigerung verdient jedoch eine nähere Betrachtung. Typische Umfragen (wie Pew, Reuters, Bredow-Institut, ARD/ZDF, Allensbach und andere) erfassen im wesentlichen die offiziellen Nachrichtenkanäle und -quellen (auch ihre Online-Derivate) und erfragen das durch diese Quellen generierte politische „Wissen“. Es scheint die Annahme zu herrschen, dass in den Informationsprozessen der jüngeren Generationen die klassischen Quellen durch Nichts substituiert werden. Renate Köcher (Allensbach) gibt jedoch einen produktiven Hinweis: Vielleicht erleben wir keinen bloßen Substitutionsprozess, sondern die beobachteten Erscheinungen sind Teile eines tiefgreifenden Wandel im Umgang mit Informationen. Die regelmäßige Information wird sukzessive durch Information bei Bedarf ersetzt, ist stärker impulsgetrieben und enger auf das fokussiert, was von vornherein interessiert. [Enthalten in einer Rede: http://www.denkichandeutschland.net/downloads/DIAD2014_Gesamt_Small.pdf] Die schon vor 25 Jahren beschworene Ablösung der imperialen Normen und Ideale der Buchkultur durch Verfahrensweisen dialogischer Kulturen könnte sich hier bemerkbar machen – ohne allerdings von der empirischen Mediennutzungsforschung beachtet zu werden. Die Ersetzung von Relevanzkriterien der klassischen Wissenskulturen durch die Orientierung am Bedarf wäre gleichzeitig eine implizite Kritik an den institutionellen Orientierungsmarken des professionellen Journalismus („Vierte Gewalt“), der den Kontakt mit seinen potentiellen Nutzern bereits weitgehend verloren hat.

Nachrichten in der Social-Media-Kommunikation

Online-Netzwerke haben bereits in einem bedeutenden (und wachsenden) Maß die Unterrichtung über das Weltgeschehen übernommen. Sie sind verfügbarer als andere Medien, und das in jeder denkbaren Situation, und demnächst auch auf unseren Armbanduhren. Niemand hält die Informationen dort für so verlässlich wie die aus anderen Quellen. Vertrauen und Nutzung gehen getrennte Wege. Die Chance der Anschlusskommunikation spielt dabei eine gewichtige Rolle. Sie motiviert auch die Nutzung klassischer Medien: Auch wenn aus der Elterngeneration die Tagesschau als seriöseste und vertrauenswürdigste Nachrichtensendung bekannt ist, werden die ProSieben-Nachrichten gesehen, weil das dem Verhalten der Peergroup entspricht.

Im Bereich der Social Media (das verbindet sie mit der physischen Alltagskommunikation) sind Nachrichten nicht ausschließlich Auslöser für Kommunikationen, sondern auch Antworten und zusätzliche Impulse in laufenden Kommunikationssträngen. Die Redaktionen traditioneller Medien haben in den letzten Jahren systematisch die Social-Media-Kanäle zu „bespielen“ begonnen. Dabei behalten sie den Anspruch, als Medienmarke – also letztlich anonym – und immer als Veranlasser von Kommunikation aufzutreten, nicht als Zuhörer und antwortender Partner. Das Ergebnis ist breitflächig zu beobachten: Die Social-Media-„Kommunikation“ traditioneller Nachrichtenmedien ist ineffektiv. Trotz der Bereitschaft, auch Feedback entgegenzunehmen, bleibt es bei der gelernten Asymmetrie. Die Popularität einzelner Redakteure, die als identifizierbare Personen bei Twitter oder Facebook weitaus mehr Anhänger erobern als ihr Sender oder ihre Zeitung, wird folgenlos bestaunt.

Bedenklich in ihren Konsequenzen ist die Hinwendung des Publikums zu Socia-Media-Kanälen vor allem, weil diese Kanäle keine aus dem freiwilligen und gleichberechtigten Zusammenschluss von Individuen entstandenen sozialen Netzwerke sind. Diese Eigenschaft hatten noch bis in die neunziger Jahre hinein die frühen Usergroups des Internet. Die heutigen SNS (Social Network Sites) hingegen werden mit dem Ziel der Zentralisierung und Verwertung von Nutzerdaten betrieben und greifen auch vielfältig in die Kommunikation der Nutzer ein. Die Ersetzung von differenzierten, persönlichen Antworten durch statistische Symbole und Ziffern und die algorithmisch gesteuerte personalisierte Streuung von Inhalten und Werbung erzeugen die permanente Disruption von sozialer Kommunikation. Dies ist besonders dort gravierend, wo die direkte Kommunikation bislang konstitutiv für das Zusammenleben von Individuen ist, also im lokalen und hyperlokalen Raum. Eine Stadtteil-„Seite“ bei Facebook übernimmt und verzerrt bedeutende Teile der Unterrichtung und Deliberation von Bürgern, indem sie der Kommunikation nicht nur die Form vorgibt, sondern auch in die Inhalte interveniert. Bestrahlt von der Sonne Kaliforniens erhalten die lokalen Aufreger so ein ganz besonderes Aussehen.

Die Nachrichtenerfahrung

Nachrichten funktionieren als Nachrichten, wenn eine ausreichende Anzahl von Menschen sich über die übermittelten oder noch zu liefernden Fakten einigt. Nachrichten funktionieren nicht, wenn das Publikum über die Dinge, die geschehen sein mögen, unentschieden bleibt. Zudem werden Berichte sicher nicht als Nachrichten akzeptiert, wenn die Quellen nicht als vertrauenswürdig angesehen werden. Angesichts der Relevanz der Social-Media-Kommunikation für einen zunehmenden Teil der Bevölkerung hat das zur Folge, dass Nachrichten, die nicht Teil dieser Kommunikation sind, für beträchtliche Teile des Publikums keine Nachrichten sind. Diese Teile werden von asynchron verabreichtem Weltwissen gar nicht erreicht.

Es ist im übrigen sinnvoll, den Blick nicht nur auf den Generationenabriss und somit auf die verlorene junge Generation zu richten. Auch andere Bevölkerungsteile werden von qualitätsjournalistischen Angeboten nicht erreicht. Dazu gehören die sogenannten bildungsfernen Schichten und viele Migranten. Für diese bilden bestimmte lineare Fernsehkanäle und über das Mobiltelefon gepflegte Kontaktnetz die hauptsächliche Informationsquelle (sofern daraus überhaupt Nachrichten sprudeln).

Nachrichtenredaktionen, die nicht Opfer, sondern Gestalter der digitalen Transformation sein wollen, installieren zunehmend einen speziellen „Social Media Desk“. Die Verarbeitung von Nutzer-Feedback aus Social-Media-Kanälen ist ein ehrenwerter Anspruch, jedoch legen Berichte aus der Praxis mit solchen Arbeitsplätzen nahe, dass bisherige Kommunikationsversuche noch einen systematischen Fehler aufweisen. Die journalistischen Instanzen treten als Institution und nicht als identifizierbare Personen auf, sie verstehen sich als Auslöser von Feedback und nicht als Teilnehmer einer fortlaufenden Kommunikation und sie liefern oft noch nicht Nutzwert, sondern Links auf das Nachrichtenangebot ihres Senders oder ihrer Zeitung. Sie beabsichtigen, in den Mindset der von ihnen Angesprochenen einzudringen, praktizieren jedoch gar nicht die dazu notwendige Haltung.

Wenn Social-Media-Kanäle nur als PR-Plattformen für lineare Angebote benutzt werden sollen, ist der Misserfolg eine absehbare Folge.

Bürgerjournalismus

Anlässe zur Entstehung von Bürgerjournalismus gibt es immer wieder. Wenn kleinere oder größere Gruppen ihre Wahrnehmungen und Positionen in den professionellen Medien nicht vertreten sehen, bemühen sie sich um die Herstellung eigener Kommunikationskanäle – vom Flugblatt bis zum Sender – und machen sich in den zugänglichen Online-Kanälen wie Youtube oder Twitter bemerkbar. Bürgerjournalistische Initiativen reagieren auf staatliche Zensur und Unterdrückung oder auf das Relevanzraster traditionell ausgerichteter Journalisten, denen manche Probleme zu heikel, zu banal oder zu lokal sind.

Bürgerjournalistische Quellen (unter der schlichten Bezeichnung: Hinweise und Berichte aus der Bevölkerung) haben journalistische Plattformen schon immer bereichert. In vielen Situationen sind sie unersetzlich. Manchmal und aus nachvollziehbaren Gründen gelingen bürgerjournalistische Scoops. Sie sind andererseits nicht unbedingt vertrauenswürdig und vor allem nicht dauerhaft verlässlich. Oft sind bürgerjournalistische Veröffentlichungen an kurzfristige politische Initiativen gebunden und übernehmen dort eher die Funktion einer aktivistischen PR als eine journalistische. Das Offenlegen von Quellen, das Nachfragen und Einordnen in größere Zusammenhänge, das Gehör auch für die „andere Seite“ – diese journalistischen Tugenden strebt Bürgerjournalismus in vielen Fällen gar nicht an.

Die Entwicklung der digitalen Medien ermöglicht es, dass eine bürgerjournalistische Initiative sich nicht nur als Quelle für traditionelle Medien begreift, sondern selbst Verbreitungskanäle schafft und evtl. verstetigt. Letzteres, die Verstetigung, ist allerdings eine klare Schwäche solcher Initiativen, die sich auf freiwillige Selbstverpflichtungen verlassen müssen. Anders verhält es sich bei Organisationen, die ihre Mitglieder (auch) für journalistische Arbeiten bezahlen, wie Human Rights Watch. Deren Quasi-Journalismus oder Aktivisten-PR trägt zur Verwischung der Grenzen des klassischen Journalismus bei, der wegen der Verringerung der Korrespondentenzahl und eines Übermaßes an kaum bewertbaren Texten, Bildern und Videos aus beliebigen Quellen in ein schwieriges Fahrwasser gerät. – In Leipzig ist die Online-Plattform der Red Bulls das einzige regionale Medium mit einer großen Rezipientenschar in jüngeren Jahrgängen. Es liegt einigermaßen nahe, diese Plattform auch für andere Themen als den Fußball zu nutzen …

Datenjournalismus

Erst seit wenigen Jahren werden die technischen Backends von Online-Plattformen auch für ideenreiche und mediengerechte Darstellungsformen genutzt. Es hat sich die Bezeichnung Datenjournalismus dafür eingebürgert, obwohl es sich meist um Datendesign handelt. Die visuelle, interaktive und manchmal auch akustische Umsetzung vorhandener Datenbestände und -ströme kann auch Nutzergruppen anziehen und zeitlich binden, die ansonsten nur flüchtige Kontakte mit der entsprechenden Site haben.

In der idealen Konfiguration einer multimedial aufgestellten Redaktion sollten weder die Kommunikatoren am Social-Media-Desk noch Experten für Datendesign und Interaktionsdesign fehlen. Es gibt eine Reihe äußerst positiver Beispiele für Datendesign – zum Beispiel die von Open Data City für den NDR entwickelte Applikation Wie wohnt der Norden? – die einen hohen Nutzwert haben und für nachhaltiges Interesse sorgen.

Die Ansprüche investigativer Journalisten und politischer Gruppen gehen gelegentlich noch weiter. Für sie ist Datendesign eine Form der aktivierenden Aufklärung über soziale und kulturelle Misstände oder z. B. über die finanzielle Misswirtschaft von Institutionen. Diese Bemühungen sind nicht ohne Risiko. Nach einem Bericht aus Indien haben Open-Government-Initiativen zur Veröffentlichung der Katasterdaten zu einem Roll-back von Grundstückseigentümern gegen Squatter geführt, die sich in ihren Behausungen gewohnheitsrechtlich sicher fühlten. (Siehe Rahman, The Journal of Community Informatics 8 (2012) Nr. 2)

Erzählende Nachrichten

Die deutsche Nachricht ist eine Meldung oder ein Bericht. Im Englischen ist der Bericht eine story. Eine story wird „gefunden“, geschrieben oder erzählt. Für George Herbert Mead war 1926 (in The Nature of Aesthetic Experience) klar, dass ein Reporter eine Story hereinholen muss und nicht Fakten. Eine Story dient der Wunscherfüllung ihrer Rezipienten und erlaubt es ihnen, ihre Erfahrungen als eine mit der Gemeinschaft, der sie sich zugehörig fühlen, geteilte Erfahrung zu deuten. Im deutschen Journalismus dominiert eine Kometentheorie der Nachricht: das berichtenswerte Ereignis ist einfach „da“. Die Formung der Nachricht durch spezifische Erzählstrategien bleibt dabei verdeckt. Selbst in der Orientierung an den sieben W und den (umstrittenen) Nachrichtenwerten ist jedoch die Suche nach dem erzählbaren Kern eines Ereignisses noch vorhanden. „Mit der Form der Erzählung wählen wir die Perspektive, die uns ‚grammatisch‘ nötigt, der Beschreibung ein Alltagskonzept von Lebenswelt als kognitives Bezugssystem zugrunde zu legen.“ (Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns II, 1988, 207)

Multikanal-Anbieter im Nachrichtensektor (und dies ist ganz klar der Trend, vom schwedischen Aftonbladet, über Springers Welt/n24 bis zu den Kooperationen von ARD-Anstalten mit Presseunternehmen) sind immer stärker an nachhaltigen Aspekten von Nachrichten interessiert, am Follow-up und am geeigneten Material für Medienübergänge. Der Cliffhanger wird zum Merkmal der Arbeit am Newsdesk (Heute nachmittag mehr im Webvideo, morgen früh mehr in der gedruckten Zeitung …). Die provokative Feststellung von John Ellis (Visible Fictions, 1982) bewahrheitet sich im Alltag: „There is no real difference in the narrational form between news and soap opera. The distinction is at another level: that of the source of material.“

Da Nachrichten aus Sicht der Narrationstheorie keine Informationslieferanten, sondern Elemente des kulturellen Diskurses sind, Geschichten über die Wirklichkeit, die nach vereinbarten Regeln erzählt werden (dazu Lünenborg, Journalismus als kultureller Prozess, 2005), rückt ihre Form immer mehr in den Blickpunkt.

Je lebendiger eine Schilderung, desto realer erscheint sie: Dies ist ein zentraler Ausgangspunkt der Transportation Theory. Transportation erzeugt eine mentale Repräsentation einer Geschichte beim Rezipienten, die ihn selbst in diese Geschichte hineinversetzt. Die Narrativitätsfaktoren, die dieses begünstigen, weisen eine frappierende Übereinstimmung mit den Nachrichtenfaktoren der Journalismustheorie auf: Einzigartigkeit, Konflikthaltigkeit, Faktualität, Kohärenz usw. Der erzähltheoretische Ansatz enthält gleichzeitig eine Kritik – die Faszination am Unterhaltsamen überlagert die Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Narration – und eine Chance: Eine faszinierende Geschichte bietet einen Nutzwert auch für Gruppen und Schichten, die von offiziellen Nachrichtenverlautbarungen nicht erreicht werden.

Eine Spielart der Transportation Theory wurde lange vor deren Entstehung durch deutsche Verfassungsrichter in die Welt gesetzt. Es handelt sich um die letzte Komponente des Tripels: Breitenwirkung – Aktualität – Suggestivkraft.

Die Suggestivkraft der Medien ergibt sich aus der Möglichkeit, die Kommunikationsformen Text und Ton sowie beim Fernsehfunk zusätzlich bewegte Bilder miteinander zu kombinieren und der programmlichen Information dadurch insbesondere den Anschein hoher Authentizität zu verleihen (vgl. BVerfGE 97, 228 [256]). Ein Medium ist nach dieser Auffassung umso suggestiver, je mehr Komponenten (Kommunikationsformen) es vereint. Diese Thesen, die geltendes Verfassungsrecht darstellen, stehen in klarem Widerspruch zu medienpsychologischen Untersuchungen, die aus der psychischen Eigenaktivität der Rezipienten die Stärke der Suggestivkraft ableiten. Unter allen Rezeptionsweisen hat daher die Lektüre von Texten die stärkste Wirkung. Die psychologisierenden Richter haben anscheinend die Manipulierbarkeit des Publikums durch gefälschte Bilder o. ä. im Sinn – also ein recht oberflächliches Verständnis von Suggestion.

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