Satire-Simulation „heute-show“

Warum Harald Schmidt Recht hat und sich die heute-show zur Daily Show verhält wie Annemarie Eilfeld zu Aretha Franklin

Heute-show

Nicht, dass es dafür Harald Schmidt gebraucht hätte. Aber nun stimmt auch der Altmeister der Spätabendunterhaltung in den Chor derjenigen ein, die dem Hype um die heute-show mit wohltuend nüchternen Kommentaren begegnen. Dem Mediendienst DWDL zufolge bezeichnete Harald Schmidt die ZDF-Erfolgssendung in der SWR1 Leute Night als „volkstümliche Unterhaltung“, welche vor allem der „Bestätigung von vorgefertigten Meinungen“ diene.

„Es ist eigentlich immer zu Ende für eine Satire-Sendung, wenn der eigene Sender sich auf die Fahne heftet ‚Kuckt mal, was wir uns trauen’. Da wird man zu Tode umarmt und dann ist die Sache gelaufen. Dann kommen die Politiker und man weiß nicht, wer biedert sich mehr an: Die Politiker bei den Kabarettisten oder umgekehrt.“

Recht hat er, wobei die Vereinnahmung durch Sender und Politik per se nicht den Sendungsmachern anzulasten ist – und irgendwie auch ein typisch deutsches Phänomen. Was sie verantworten, sind Inhalte und Personal. Und diesbezüglich ist Schmidt nicht der Erste, dem aufgefallen ist, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit, vor allem aber zwischen Original und Abklatsch deutliche Qualitätsunterschiede bestehen.

Weder hält die sich bis hin zum On air-Design an der Daily Show orientierende Sendung dem Vergleich mit dem US-Vorbild stand, noch vermag sie, eine eigenständige Form der TV-Satire zu begründen. Zumindest, wenn man unter Satire eine authentische Form politischer Kritik und gesellschaftlicher Selbstbeobachtung versteht, und nicht die Simulation derselben.

Satiriker-Darsteller

So gesehen verhält sich die heute-show zur Daily Show in etwa wie Annemarie Eilfeld (oder jedes andere Casting-Sternchen aus der RTL-Retorte) zu Aretha Franklin. Das hat weniger mit den teils durchaus gelungenen Einspielfilmen zu tun – wie denen von Martin Sonneborn, oder Sidekicks wie Gernot Hassknecht, der Karikatur öffentlich-rechtlichen Kommentatoren –, als vielmehr damit, dass den einzelnen Teilen ein sie zusammenhaltendes Leitmotiv fehlt, anders formuliert: eine Haltung. Und ein Moderator, der dafür steht.

Mit unzähligen Stationen bei RTL, ProSieben und Sat1 ist Oliver Welke – zur Zeit bei der WM im Dauereinsatz – ein Veteran jener Comedy-Branche, die seit den 1990ern Köln ihr Zentrum nennt und sich von der Domstadt leider nicht nur die gute Laune, sondern auch den Hang zur Selbstzufriedenheit abgeschaut hat. Er erweckt den Eindruck, genauso gut „Oops – die Pannenshow“ oder ein Event für den Bundesverband der Sparkassen moderieren zu können, so lange die Gage stimmt und ihm jemand die Moderationstexte schreibt. Mit der heute-show ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt – als SatirikerDarsteller. Man hätte auch Guido Cantz fragen können.

Ausdrucksvermögen und Aussagekraft

Hier liegt der zentrale Unterscheid zum US-Original. Jon Stewart ist mit Worten wie mit Gesten ungleich ausdrucksstärker als sein deutscher Epigone, dessen Mienenspiel sich im Vergleich zu Stewarts ausnimmt wie ein Sack Mehl zu da Vincis „Dame mit dem Hermelin“.

Stewart hat zudem – viel wichtiger – etwas zu sagen, und wer ihm zuschaut, spürt: Er will, er muss es auch sagen. Unglaube und Entrüstung angesichts von politischen Abgründen, gesellschaftlichen Verwerfungen und journalistischen Totalausfällen in Amerika, manchmal auch ein beinahe missionarischer Eifer, sprühen ihm aus jeder Pore. Legendär seine Abrechnungen mit dem US-Fernsehen, wie etwa in seinem Auftritt in der CNN-Talkshow Crossfire vor zehn Jahren, als er den Moderatoren vorwarf (ab Min. 2:47), die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft zu befördern:

„It’s hurting America. […] Here is what I wanted to tell you guys: Stop … You have a responsibility to the public discourse, and you fail miserably.“

Die Einstellung der CNN-Sendung erfolgte später mit Verweis auf Stewarts Kritik.

Doch obwohl es Anlässe genug dafür gibt, verfällt Stewart nicht in Zynismus. Immer wieder scheint in seinen Moderationen auch das Bild eines anderen, eines besseren Amerikas auf. In solchen Momenten wirkt er wie eine Mischung aus Sozialphilosoph und Aktivist, der sich das Medium der Satire für seine Anliegen zunutze macht. Auch wenn er häufig dem linksliberalen Spektrum zugeordnet wird, macht Stewart keine Parteipolitik im engeren Sinne (das hat die Obama-Administration leidvoll erfahren müssen). Was ihn letztlich antreibt, ist eine aufklärerisch-emanzipatorische Haltung, ein im Grunde tiefer Humanismus, den er mit Wut und Verve vertritt.

Ein Produkt amerikanischer Verhältnisse

Schon daraus wird deutlich, dass die Sendung ein Produkt amerikanischer Verhältnisse, vor allem der Bush-Ära, ist und bleibt. Sie steht in einer langen Tradition und fußt auf den Kompetenzen einer brillanten, nicht selten an den Spitzenuniversitäten des Landes ausgebildeten Autorenriege.

Dass das US-Format dort seit anderthalb Jahrzehnten vier Mal die Woche läuft und trotz leicht rückläufiger Quoten zum selbstverständlichen Bestandteil der Informationsroutine vieler Zuschauer gehört, während sich das ZDF trotz sicher beträchtlicher Ressourcen für eine Folge pro Woche (und weniger als drei Dutzend pro Jahr) feiern lässt, ist eigentlich einer gesonderten Betrachtung wert.

Doch auch, wenn sich die heute-show-Macher ihm angesichts der Ähnlichkeiten in Aufbau und Ästhetik der beiden Sendungen stellen müssten, wäre der Vergleich mit der ungleich schnelleren, subversiveren und seinen Zuschauern mit ausführlicheren Erörterungen eines Themas auch inhaltlich weitaus mehr zumutenden Daily Show letztlich müßig. Die Daily Show ist nicht übertragbar.

Die Notwendigkeit, politische Fehlentwicklungen, Ungleichheit, Bigotterie und Manipulation zu entlarven, indes schon. Sie ist universell, und Satire, als „ästhetisch sozialisierte Aggression“ (Jürgen Brummack), eine ihrer Ausdrucksformen. Nur, weil die Zustände in Deutschland andere sind, heißt das nicht, dass kein Bedarf besteht an einer Sendung, die über das populistische Ho-ho und die zynische Beliebigkeit bestehender Comedy-Formate einerseits und die vorhersehbare Brachialpädagogik des Kabaretts andererseits hinausgeht; eine Sendung, für die Politik mehr ist als das ritualisierte FDP-Bashing der heute-show oder das „Die da oben sind doof und machen sich die Taschen voll“, das Schmidt dem Kabarett vorwirft.

Ob und inwieweit die heute-show Politikverachtung und Entpolitisierung fördert, ist eine Frage für Feinschmecker der Medienwirkungsforschung. Politisch aber ist sie nicht.

Können Sie sich vorstellen, dass Oliver Welke außerhalb seines bequemen Studio-Sessels eine Brandrede über das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die Ohnmacht jener, die sich von politischen Prozessen weitgehend abgehängt fühlen, oder den Zustand des Journalismus im „Raumschiff Berlin“ hält? Oder darüber nachdenkt? Und halten Sie es umgekehrt für denkbar, dass Jon Stewart nebenbei den Super Bowl beziehungsweise die hyperkommerzialisierte Fußball-WM moderiert? Oder darüber nachdenkt? Eben. Enough said.

„Finger weg von Inhalten!“, so lautet das neue Dogma Harald Schmidts (Selbstbeschreibung: „Privatier mit abgeschlossener Vermögensbildung“). Bei der heute-show hat man das schon immer gewusst.

Cross-Post: Dieser Artikel erschien zuerst auf Carta

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